Isolierglas richtig beurteilen
Unter der Lupe und aus 20 cm Abstand findet man auf jeder Scheibe etwas. Deshalb legt die Norm genau fest, wie Isolierglas beurteilt wird: aus 3 Metern, in der Durchsicht, bei Tageslicht. Für alle Hersteller gelten dieselben Regeln.
Glas wird in der Durchsicht beurteilt, nicht wie ein Spiegel
Isolierglas wird nach EN 1279-1 beurteilt, und zwar in der Durchsicht, nicht in der Spiegelung. Die Regeln gelten für alle Hersteller gleich:
Abstand: mindestens 3 Meter, von innen nach außen.
Winkel: möglichst senkrecht zur Scheibe.
Dauer: bis zu 1 Minute pro m² Glasfläche.
Licht: diffuses Tageslicht, z. B. bei bedecktem Himmel. Ohne direkte Sonne und ohne künstliche Beleuchtung.
Von außen wird das Glas im eingebauten Zustand beurteilt, aus dem üblichen Betrachtungsabstand, mindestens aber aus 3 Metern. Was dabei nicht zu sehen ist, gilt nicht als Mangel. Abweichungen werden nicht auf der Scheibe markiert.
Drei Zonen auf der Scheibe
Am Rand sind die Regeln großzügiger als in der Scheibenmitte, weil der Rand weniger auffällt.
R · Falzzone, 15 mm am Rand, meist vom Rahmen verdeckt: wird nicht beurteilt.
E · Randzone, 50 mm breit: etwas mehr zulässig.
M · Hauptzone: die strengsten Regeln.
Punkte und Flecken
Höchstens zulässig in der Hauptzone (M) bei Zweifach-Isolierglas:
| Größe | Zulässig |
|---|---|
| bis 1 mm | höchstens 3 in einem Kreis von 20 cm Durchmesser |
| 1 bis 3 mm | höchstens 2 in einem Kreis von 20 cm Durchmesser |
| über 3 mm, Flecken über 17 mm | nicht zulässig |
In der Randzone (E) sind Punkte bis 1 mm ohne Einschränkung zulässig, von 1 bis 3 mm sind es 4 bei Scheiben bis 1 m², bei größeren Scheiben 1 je Meter Kantenlänge.
Kratzer
Feine Haarkratzer sind zulässig, solange sie nicht gehäuft an einer Stelle auftreten.
| Zone | Einzeln | Insgesamt |
|---|---|---|
| Hauptzone (M) | bis 15 mm | bis 45 mm |
| Randzone (E) | bis 30 mm | bis 90 mm |
Dreifach-Isolierglas und VSG: etwas mehr zulässig
Jede zusätzliche Scheibe bringt eigene Oberflächen mit, deshalb erhöht sich die zulässige Anzahl an Punkten um 25 % je zusätzliche Scheibe. Bei Dreifach-Isolierglas ergibt das ×1,25, bei Zweifach-Isolierglas mit zwei VSG-Scheiben ×1,5.
Die Regeln gelten nicht für Ornamentglas, Drahtglas und feuerbeständiges Verbundglas.
Abstandhalter
Der Abstandhalter muss nicht vollkommen gerade sein. Bei Zweifach-Isolierglas beträgt die zulässige Abweichung 4 mm bei Kantenlängen bis 3,5 m, bei längeren 6 mm.
Der Abstand zur Glaskante, bei Dreifach-Isolierglas auch zum zweiten Abstandhalter, darf bis zu einer Kantenlänge von 2,5 m um 3 mm abweichen, bei längeren Kanten um 6 mm.
Verzerrte und doppelte Spiegelbilder sind kein Mangel
Die Scheiben wölben sich nach außen oder innen (Isolierglaseffekt). Im Isolierglas ist Luft oder Gas eingeschlossen, und zwar in dem Zustand vom Tag der Herstellung. Ist es kälter oder steigt der Luftdruck, ziehen sich die Scheiben leicht nach innen, ist es wärmer, wölben sie sich nach außen. Die Scheibe wirkt dann wie ein Hohl- oder Wölbspiegel, und das Spiegelbild verzerrt sich. Eine große Scheibe biegt sich stärker durch als eine kleine, deshalb sieht jedes Feld einer Fassade etwas anders aus.
Doppelbilder (Mehrfachreflexionen). Jede Glasoberfläche erzeugt ihr eigenes Spiegelbild, und Isolierglas hat vier davon. Sind die Scheiben unterschiedlich gewölbt, decken sich die Spiegelbilder nicht, und das Bild erscheint doppelt. Am deutlichsten ist das zu sehen, wenn es hinter der Scheibe dunkel ist.
Beides ist eine physikalische Eigenschaft jedes Isolierglases. Deshalb wird Glas in der Durchsicht beurteilt, nicht in der Spiegelung.

Die Fassade unseres Büros in der Dämmerung. Links ist das Spiegelbild fast gerade, rechts in der größeren Scheibe ist der Baum in die Länge gezogen und doppelt. Gleiches Glas, gleicher Tag: kein Mangel.
Newton-Ringe
Regenbogenfarbene Flecken, Streifen oder Ringe, die sich verschieben, wenn man auf die Scheibe drückt. Sie zeigen sich meist in der Spiegelung von außen, nur selten in der Durchsicht.
Sie entstehen, weil die Scheiben im Isolierglas absolut plan und parallel sind und sich das Licht zwischen ihnen überlagert. Sie treten nur bei bestimmten Lichtverhältnissen auf und lassen sich nicht vermeiden.
Das ist kein Mangel, sondern ein Beleg dafür, dass das Glas plan ist.

Was ebenfalls kein Mangel ist
Farbnuancen. Beschichtung, Glasart und Glasdicke geben dem Glas eine leichte Eigenfarbe. An der Fassade können benachbarte Scheiben leicht unterschiedlich getönt wirken, besonders bei schrägem Blick.
Tauwasser außen am Morgen und Abdrücke, die bei nasser Scheibe sichtbar werden (von Rollen, Saugern, Etiketten). Mehr dazu in den Artikeln Drei Stellen, an denen Glas beschlägt und ESG: Roller-Waves und Flecken.
Kurz gesagt: aus 3 Metern, in der Durchsicht, bei bedecktem Himmel. Was man so nicht sieht, ist kein Mangel.
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